Raimund Karl
Abstract: In diesem Beitrag wird anhand von
Beispielen aus der Zeit zwischen 1939-1945 und der Gegenwart gezeigt, dass die „Raubarchäologie“,
betrieben vorwiegend durch professionelle Archäologen des Reichsbunds für
deutsche Vorgeschichte und des SS-Ahnenerbe, nicht primär die Folge des
(ebenfalls zweifellos vorgekommenen, aber ganz anders gelagerten) „Missbrauchs“
des Faches („der Archäologie“) und der archäologischen Denkmalpflege durch eine
totalitäre politische Strömung (durch die NSDAP) war. Vielmehr war sie primär
und hauptsächlich durch die seit den Anfängen sowohl des Faches als auch der
(anfänglich noch nicht, aber seit dem frühen 20. Jahrhundert überwiegend
„staatlichen“) archäologischen Denkmalpflege etwa zur Mitte des 19.
Jahrhunderts dominanten, innerfachlichen, ebenso totalitären Ideologie des
sogenannten (archäologischen) „Erhaltungsparadigmas“ bzw. des „autorisierten
Denkmaldiskurses“ [AHD] verursacht und verschuldet. In höchst bedenklicher
Weise ist diese Ideologie innerfachlich immer noch dominant und führt, wie ein
konkretes und ganz aktuelles Beispiel zeigt, auch in einem demokratischen
Verfassungsstaat wie der Republik Österreich zu – zwar in ihrer Brutalität und
Grausamkeit nicht mit jenen des Dritten Reichs vergleichbaren, so doch in ihren
Ergebnissen in Hinblick auf den Umgang mit der Archäologie – sehr ähnlichen
Konsequenzen; also ebenfalls zu einer – nur geringfügig von der des Dritten
Reichs unterschiedlichen – „Raubarchäologie“.
Für „das Fach“ in seiner Gesamtheit – das sich niemals
ernsthaft mit der Frage beschäftigt hat, ob es (und nicht nur einzelne „faule
Äpfel“ unter seinen Angehörigen) (schon vor,) während des Dritten Reichs (und
seither) selbst etwas fundamental falsch gemacht hat und mit seiner eigenen
Ideologie etwas nicht stimmen könnte, das maßgeblich zum menschenverachtenden
Handeln (vieler) seiner Angehörigen geführt hat, sondern sich stattdessen ein
bequemes exkulpatorisches Narrativ, „Opfer des politischen Missbrauchs durch
die Nazis“ geworden zu sein, zusammengebastelt hat – und für alle
Archäolog*innen als Individuen ist diese Erkenntnis von enormer Bedeutung. Denn
sie stellt „das Fach“ wie auch jede*n Einzelne*n von uns vor eine schwierige
Entscheidung: ob wir „als Fach“ und individuelle Archäolog*innen in einer
demokratischen, auf der Achtung der Menschenwürde und der individuellen Grund-
und Menschenrechte beruhenden Gesellschaft leben wollen und daher unsere
innerfachliche Ideologie fundamental ändern müssen; oder ob wir die
autokratischen Herrscher einer menschenverachtenden Archäokratur sein wollen.